KV Oberallgäu-Kempten-Lindau

München, 25.07.2016

München nach dem Amoklauf

25.07.2016

Nein, ich war nicht dabei, aber ich war nah dran. Freitags hatten mein Mann und ich in München zu tun und, weil das Wetter noch ausreichend warm und trocken für einen Biergartenbesuch war, ließen wir den Tag mit einem Besuch im Englischen Garten am Fuße des Chinesischen Turms ausklingen. Schön war’s, wie immer. Ein bayerischer Biergarten hat mit seinen vielfältigen Besuchern, dem schönen Blätterdach aus Kastanienbäumen und dem guten Bier schon immer eine besondere Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Wir sind auch bald mit anderen, uns völlig fremden Leuten ins Gespräch gekommen, auch das gehört für mich untrennbar dazu zu einem Besuch im Biergarten.

Von uns fast unbemerkt wurden so gegen 19:30 Uhr die Buden geschlossen und mit einem Mal wurden die Marken für die Krüge am Tisch zurückgetauscht. Wir dachten uns, naja, tröpfelt schon ein bischen… Kurz darauf kam der Wirt zu uns an den Tisch und hat uns gebeten den Biergarten zu verlassen. Die Polizei hätte sich bei ihm gemeldet und darum gebeten den Biergarten zu schließen und die Leute zu informieren, dass sie größere Menschenansammlungen vermeiden und sich auf dem direkten Weg nach Hause machen sollen und wenn möglich, die Innenstadt meiden. Aus war’s mit der Gemütlichkeit, ganz plötzlich. Auf unsere fragenden Gesichter hin, hat er sich noch entschuldigt, er weiß auch nichts Genaueres. Also machten sich alle auf den Weg nach Hause.

Wir mussten noch quer durch den englischen Garten. Natürlich war mein erster Gedanke – Terrorwarnung! Angst hatte ich nicht, nur irgendwie ein mulmiges Gefühl. Die ganze Situation war auch unwirklich, wenn nicht sogar gespenstisch. Wir schlenderten gemütlich durch den Park, die Gänse und Enten hatten die Grünflächen wieder für sich und kamen aus dem Wasser zum Grasen. Hier und dort saßen noch vereinzelt Menschen. An der Weide am Wasser ein Pärchen, ein Stück weiter saß jemand an einen Baumstamm gelehnt und las in einem Buch. Alle, Mensch und Tier, genossen die Feierabendruhe im Englischen Garten. Es war schon irgendwie idyllisch und im Hinterkopf hatte ich – Terrorwarnung – und im Magen ein flaues Gefühl, obwohl nichts auf eine außergewöhnliche Situation hindeutete, bis auf die Aufforderung des Wirts.

Den ersten Eindruck, dass tatsächlich etwas nicht stimmt, erhielten wir vor dem Amerikanischen Konsulat. Zwei Polizisten vor dem Eingang und die Amerikaner in T-Shirt und kurzer Hose, aber ansonsten komplett ausgerüstet, auf dem Gelände in Alarmbereitschaft, ganz so, als ob sie nicht mehr die Zeit hatten eine Uniform anzuziehen. Ein Kaninchen knabberte noch im Grünstreifen davor an ein paar grünen Blättern. An einem anderen Tag hätte ich vielleicht noch ein Foto davon gemacht…

An der Straße dann, ich weiß nicht ob es noch die Prinzregenten- oder schon die Gabelsbergerstraße war, gingen wir dann vor zu unserem Auto. Alles war wie immer. Die Uhr zeigte inzwischen kurz vor 20:00 Uhr. Es kamen uns eine Menge Leute in Tracht und auch ansonsten größere Gruppen von Menschen entgegen. Alle schienen entspannt und ausgelassen. Es war wohl irgendwo ein Fest zu Ende. Nichts deutete auf eine Ausnahmesituation hin. Also stiegen wir ins Auto und machten uns, wie angeordnet, auf den Heimweg. Allerdings wollten wir eine großräumige Umfahrung meiden und nahmen den direkten Weg durch die Innenstadt, da ja alles entspannt schien. Nach kurzer Strecke merkten wir aber schon, dass tatsächlich etwas im Busch ist. Überall Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen. Blaulicht, wohin das Auge blickte. Allerdings auch jede Menge Menschen auf den Straßen. Am Stachus gab’s dann auch eine Umleitung, allerdings nicht von der Polizei, sondern wegen eines Festes, das dort wohl stattfand. Also schlängelten wir uns der Umleitung nach wieder zurück zum Altstadtring. Im Radio, das wir natürlich eingeschaltet hatten, kamen erste Meldungen von voraussichtlich 3 Attentätern mit Langwaffen.

Das Telefon klingelte. Unser jüngster Sohn rief an, ob bei uns alles in Ordnung wäre, es hat 3 Tote gegeben. Wir konnten ihn beruhigen. Weiter durch die Stadt mit Blaulicht und Martinshorn als unsere Begleiter. Kurz darauf rief unser Ältester an, auch ihn konnten wir beruhigen, wir kommen jetzt bald auf die Autobahn, die aus München rausführt. Jetzt waren es schon 6 Tote, von denen gesprochen wurde. Im Radio immer wieder dieselben Meldungen, wie in einer Endlosschleife. Ich kam mir irgendwie verschaukelt vor. Erst dann um 21:00 Uhr in den Nachrichten, wir wraen bereits auf der Autobahn, erste verwertbare Informationen. Es wurde von 8 Toten gesprochen und dass nach den voraussichtlich 3 Tätern noch immer gefahndet wird. Verstärkung von auswärts ist unterwegs, unter anderem die GSG9, und die Autobahnen, die nach München hineinführen sollen freigemacht werden, damit die Beamten freie Fahrt haben. Es kamen uns dann auch tatsächlich 2 Blaulichtkonvois entgegen. Im Radioprogramm immer noch in Endlosschleife die gleichen alten Berichte, in denen noch immer von 3 Toten gesprochen wurde. Unglaublich…

Zu Hause angekommen, es war jetzt ungefähr 22:30, versuchte ich natürlich gleich im Internet genaueres zu erfahren, für mich war das alles nicht einzuordnen. Mein Sohn zeigte mir die Videos, die im Netz kursierten. Die einen sprachen von IS-Terror, daran habe ich von Anfang an nicht geglaubt, genauso wenig wie an die Langwaffen. Wer spaziert schon unbehelligt mit Langwaffen durch die Stadt? Andere von einem Blonden mit Springerstiefeln, also viel hat man auf dem Video nicht gesehen, aber blond war der nicht. Die vielbeschworene Panik auf dem einen Sender, die Lähmung, von der auf einem anderen gesprochen wurde – was denn jetzt? – ich konnte beides nicht bemerken auf dem Weg durch die Innenstadt von München.

Ich habe es dann für diesen Abend aufgegeben noch brauchbare Informationen zu erhalten. Alles in Allem ging so ein seltsamer Abend für mich zu Ende. Ich hatte keine Angst, war nicht in Panik und auch nicht gelähmt. Es war nur alles so unwirklich. Das, was ich objektiv gesehen und gehört habe im Park und auf den Straßen war alles so normal, naja, bis auf die vielen Blaulichter in der Stadt, aber die sieht man ja auch mal bei einem Unfall. Aber das Kopfkino, das die anderen Informationen eingefügt hat, hinterließ einen Eindruck, der bis heute – auch drei Tage später – noch nachhallt und mich beschäftigt.

Gut getroffen wird die Situation in München am Freitagabend meiner Meinung nach in dem Kommentar von Annette Ramelsberger:
http://www.sueddeutsche.de/…/amoklauf-am-oez-muenchens-hero…

Vor allen Dingen beschäftigt mich, wie damit in den Medien und in sozialen Netzwerken umgegangen wurde. Noch bevor man überhaupt wirklich wusste, was los war, waren alle so schlau und mit Aburteilungen bei der Hand, dass ich mich frage, ob die Mehrheit der Menschen noch gesund im Kopf ist. Das geht ja schon mit den Zeugenaussagen los auf Grund derer die Polizei nach 3 Personen mit Langwaffen gefahndet hat, geht weiter über Fake-Videos und Aussagen über weitere Schießereien in der Innenstadt, ein Interview mit Aussagen über einen Blonden mit Springerstiefeln, der ‚Scheiß Ausländer‘ gebrüllt hat, ein Bericht auf CNN über ‚Allahu Akbar‘-Rufe, Panik in München auf der einen, Lähmung auf der anderen Seite. Hauptsache plakativ…

Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer, aber auch bei den Eltern des Täters und seinem kleinen Bruder. Wie mag es ihm jetzt wohl gehen?

Michaela Schuster